EINBLICKE

In mein Leben. In mich.

  • Klaus

Indisches Sein



Im Airbus der Swiss von Zürich nach Mumbai. Instrumentenflug-Touch-Down in der Smog-Glocke. Freiwillig fliegt man nicht nach Mumbai. Gut erkennbar an den Menschen im Flugzeug. Zum vierten Mal im Flieger nach Mumbai, zum vierten Mal keine europäischen Fluggäste. Außer Ernst und mir.

Vom schweizer Schokoladenduft zum indischen Kanalgestank. Vom Muhen, Glockenläuten und Bachgeplätscher aus den schweizer Terminal-Zug-Boxen zu ohrenbetäubendem Lärm, und das 24/7. Wir fragen den Taxifahrer wie lange es zum Holiday Inn Airport ist? Er meint only 2km. Das heißt hier gar nichts. Wir fragen nochmal „How long in time?“ Er meint „only 30 minutes.“ Und er hat recht. Mumbai, der größte Parkplatz Asiens, rund um die Uhr Rush Hour.




Ich bewundere dieses Volk wie sie in all dem Dreck leben können. Die vollste, dichteste, staubigste, verschmutzteste, dröhnendste, hupendste, hupendste und hupendste Stadt die ich je erlebt habe. Es ist keine Freundschaft zwischen uns, vielmehr ein unterkühltes Businessverhältnis. 2 Tage Training für einen internationalen Konzern. Bei schweißtreibenden 40 Grad mit gefühlten 100% Luftfeuchtigkeit. Die Farbe grün ist inexistent und das indische Lächeln, das ich aus Kerala und dem Süden kenne verschwunden. Die heilige Spiritualität die man Indien oft zuschreibt kann ich hier nicht finden. Auch als ich 2009 für ein Monat kreuz und quer durchs Land gereist bin, hab ich sie nicht gefunden. Oft zu finden sind die verbitterten Gesichter, die tagtäglich den Kampf ums Überleben antreten, der Kampf um die heutige Reisschale.



Am Rooftop-Pool ist es aushaltbar. Im Vordergrund trübes Wasser, im Hintergrund Slums und Hochhäuser. Die ersten 10 Minuten hier oben denkt man sich, ein motivierter Hochzeitskonvoi fährt 8 Stockwerke weiter unten gerade vorbei. Nach 20 Minuten denkt man sich das ist ein äußerst langer Konvoi...oder die indische Nationalmannschaft wurde soeben Asienmeister. Spätestens nach 30 Minuten hat man geschnallt, dass das Hupkonzert nicht endet. Als Indien-Profi weiß man, dass es nie endet, auch nachts nicht. Nach 3 Tagen Mumbai denke ich mir es würde etwas fehlen, wäre es plötzlich still. So wie wenn Mama am Sonntag Nachmittag den Fernseher abgedreht hat. Plötzlich sind mein Bruder und ich vom Nachmittagsschläfchen auf der elterlichen Wohnzimmercouch erwacht. Kleinen Kindern wird oft LaLeLu vorgespielt um gut einzuschlafen. Unser LaLeLu an Sonntag Nachmittagen war Heinz Prüller mit seinen mitreissenden Formel 1 Moderationen.

Zurück nach Indien zum Rennen des Lebens. Oftmals auch das Rennen ums Überleben. Ohne Taxi trauen wir uns nicht auf die Strasse. Der Wilde Westen an Autos, Rikschas, Fahrrädern und restlos überfüllten Mopeds ist uns zu wild.

Als wir die Reise vor Monaten planten fragte mich Ernst: „Magst du nach dem Training in Mumbai bleiben?“ Im Ernst? Zum 4. Mal hier und zum 4. Mal zähle ich die Stunden bis ich aus diesem dampfenden, brodelnden, quietschenden und ohrenbetäubenden Bienenstock-Wahnsinn rauskomme. Wobei es ein Ameisenhügel fast besser treffen würde. Als Kind ging ich mit meinen Eltern gerne in den Wald. Mein Vater zeigte uns, wenn man die eigene Handfläche abschleckte und sie über einen Ameisenhügel hielt, wie sie schon kurz darauf einen intensiven Essiggeruch hatte. Den biologischen Hintergrund hab ich bis heute nicht verstanden. Wenn wir bei diesen Ameisenhügelbesuchen unsere sadistische Ader nicht gut genug im Griff hatten, dann stachen mein Bruder und ich manchmal mit einem Stock in den Ameisenhügel und erfreuten uns des Tohuwabohus welches wir ausgelöst hatten. Erstaunlich war im Übrigen auch, dass sofort alle Energien der Hügelbewohner daran gesetzt wurden, die Eier des Ameisenhügels wieder in tiefere Schichten zu bringen und sie somit zu schützen. Egal ob es die eigenen Eier waren oder jene von Ameisenkollegen. Das haben Ameisen in ihrer DNA, da fragen sie nicht nach und brauchen auch rational gar nicht darüber nachdenken, selbst wenn sie es könnten. Manchmal fühle ich mich hier in Mumbai wie in genau solch einem Ameisen-Armageddon. Als hätte jemand mit dem Stock in diese Stadt gestochen. Was hab ich diesen süßen fleißigen Vielbeinern damals nur angetan!


Indien kommt mir vor wie ein riesiges inszeniertes Theaterstück. Als würden sie alle eine Rolle spielen. Indische Männer, die wie Buben wirken, die man in viel zu große khaki-braune Anzüge mit weißen Hemden gesteckt hat. Als wären sie am Kindermaskenball und gehen als Page. Und das Mädchen, dass als Kellnerin verkleidet geht, in westlich kurzem Rock und weißen Strumpfhosen, wo ihr der indische farbenfrohe Sari doch so viel besser stehen würde und sie authentisch wirken lassen würde. Dass man Strumpfhosen mit Laufmasche kein zweites Mal anzieht ignoriert sie, denn am zweiten und dritten Abend trägt sie die ident selbe Laufmaschen-Verkleidung, jeden Abend kommen ein paar gezogene Fäden mehr dazu. Die Damen und Herren die als Rezeptionisten verkleidet sind haben ein ganz spezielles Detail am Reverse montiert: nämlich das Namensschild und darunter steht was ihre individuelle Passion ist. Bei Sanjip steht unter dem Namen „Passion: Biking“ Natürlich wähle ich ihn als meinen Eincheckrezeptionisten und ein netter Smalltalk über das Fahrradfahren ergibt sich. Tolle Idee des Hotels! Smalltalk mit dem Personal leicht gemacht. Im Vorbeigehen erblicke ich Yogesh’s Passion: Sleeping. Sein Gesichtsausdruck unterstreicht seine Leidenschaft und ich beziehe schmunzelnd mein Zimmer. Das Theaterstück geht weiter. Als ich für meine Yogaübungen den Fitnessbereich aufsuche erblicke ich einen Schläfer. Der Servicemann des Laufbandes ist doch glatt neben dem zerlegten Laufband in Mitten all der verstreuten Ersatzteile am Holzboden eingeschlafen. Das liest sich jetzt womöglich ein wenig unglaubwürdig. War es auch für mich als ich es erlebt hab. Leise den Kopf schüttelnd breite ich die Yogamatte aus und nach drei bis vier Minuten wacht der Techniker auf, die Peinlichkeit ist ihm anzusehen. Dann werkt er munter weiter am Laufband. Die beiden Damen am Empfang des SPA-Bereichs langweilen sich zu Tode, weil kaum jemand eine SPA-Behandlung bucht. Wir haben Lust darauf und schockieren die beiden Ladies in ihren frommen Kostümen als wir ins SPA spazieren. Aus Lümmeln wir urplötzlich Habtachtstehen inklusive künstlich aufgesetztem Lächeln, der Spielgefährte Smartphone verschwindet und die Schuhe werden wieder angezogen. Meinen Zimmernachbarn höre ich jeden Morgen sich gähnend gebärden. Laute, die an einen Pottwal erinnern der gerade einen Babywal zur Welt bringt. Würde man in diesem Moment in sein Zimmer treten, würde er wahrscheinlich dasselbe indische Lächeln aufsetzen, dass all die Theaterakteure stets inszenieren, wenn sie sich fern ihrer Rolle ertappt fühlen. Inder kommen mir vor wie Kinder ohne K. Bei meinem Heimflug vertraue ich auf Air India. Hoffentlich keine als Piloten verkleidete Kinder im Cockpit.

Am zweiten Abend werden wir zum Cocktailempfang in die Hotelbar geladen. Cocktails und Fingerfood gehen aufs Haus. Man bedankt sich unzählige Male mit unzähligen Verbeugungen für unsere Loyalität als Stammgäste. 2 Nächte in einem Hotel würde ich nicht unbedingt als grenzenlose Loyalität bezeichnen. Langsam dämmert uns, dass unser Auftraggeber gemeint ist, der für die Hotelbuchung verantwortlich ist und wie es aussieht regelmäßig, oft und viele Menschen hier im Hotel unterbringt. Uns solls recht sein und wir genießen das Loyality-Verwöhnprogramm. Wir nehmen es mit Humor als im 5-Minuten-Takt mit Krawatten verkleidete Hotelmanager sich vor uns verneigen, nach einer persönlichen Begrüßung lechzen und es ihnen wichtig ist, dass wir ihre Visitenkarten entgegennehmen. Ein Gefühl von hofierten Rockstars macht sich in uns breit und wir schmunzeln uns zu. Fehlt nur noch Mahadma Ghandi der noch auf ein Shakehands vorbeischaut. Ähnlich ergeht es uns bei unseren Trainingsteilnehmern. Weiße Seminarleiter aus Europa dürften für sie der Ultrajackpot sein. Bei unserem ersten Besuch gab es sogar Empfangsspalier und Selfie-Wünsche, ich glaube um Autogramme zu fragen haben sie sich nicht ganz getraut. Wir wünschen uns Begegnungen auf Augenhöhe, doch das lässt die in der indischen DNA verankerte devote Unterwürfigkeit nicht zu.

Bei einem Abendessen diskutieren Ernst und ich über dieses skurrile Land. Es fällt auch der Satz: „Sie gebären sich zu Tode.“ Ich bin zwiegespalten. Einerseits schreckt mich die Aussage, gleichzeitig ist es die Wahrheit. Unser viel zu enger Seminarraum hat Aussagekraft für dieses Land, zumindest für diese Stadt: Sie quillt über!




2 intensive Arbeitstage mit durchgeschwitzten Hemden, interessanten Business Ethics und viel Feedbackgeben für kaum entschlüsselbares Indian English liegen hinter uns. Geschafft, raus aus Mumbai, rein ins 100km entfernte Pune. OSHO-Meditation-Resort.



Zum 3. Mal hier, dennoch keine Spur von Fadheit. 2 Roben sind erlaubt, maroon unter tags, weiß sobald es dunkel ist. Gleichschaltung. Strenge Regeln was erlaubt ist und was nicht. Ernst und Klaus als Hardcore Individualisten fügen sich.



Wir erkennen Parallelen zum Film „Die Welle“. Und wir machen mit, sind Teil davon. Allerdings wird niemandem Schaden zugefügt. Ganz im Gegenteil, es geht um Wellbeing, um gute Zeit miteinander und vor allem mit sich zu haben. Zentrierung und Ablegen von unerwünschten Mustern im Zuge der zahlreichen Meditationen ist das erklärte Ziel. Manchmal ganz still, dann wieder ganz wild. Dynamic Meditations heißen sie. Es haut uns regelmäßig den Kuckuck raus.




Eine schwarze Steinpyramide in der zig robentragende Freigeister wild tanzen, schreien und sich zu Boden werfen. Der Sektengedanke kommt in mir hoch. Doch eine entzückend liebe Freigeist-Sekte. Ich glaube, von außen betrachtet könnte man uns für einen wildgewordenen Haufen entgleister Derwische halten. Doch das Außen ist uns hier ziemlich egal, es geht ums Innen. Inner Journey. Drogenfreier Ultra-Endorphin-Ausstoß. Es tut gut. Und erdet.

Die letzten 3 Wochen in Wien heftige Rückenschmerzen gehabt. Verschobenes Kreuzbeingelenk. Als ich es gefragt habe, was es mir sagen möchte, sprach es zu mir: „Weniger ist mehr. Übe dich im Sein. Entrümple deinen Kalender!“ Das tue ich seither. Ich habe ein Wort für mein bisheriges Sein gefunden. „Eventgetriebener Nomadeneremit“ Ich bin im Begriff den eventgetriebenen Teil zu reduzieren. Indien hilft. Das Rooftop-Pool weil es für mich rundherum nichts zu entdecken gab. Das Meditations-Resort weil ich mich spätestens nun beim 3. Besuch vollends auf die Innenschau fokussieren kann. Die vegetarische Küche die nur Selbstangebautes verarbeitet unterstützt die noch bis zum Heimflug anhaltende Fastenzeit. Das großräumig angelegte Pool im organischen Design lädt zu kontemplativen Schwimmeinheiten ein.

Das Kreuzbeingelenk sagt Danke Indien.

Ich auch.



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