EINBLICKE

In mein Leben. In mich.

  • Klaus

Hello Sri Lanka - Good Bye India

Aktualisiert: Jan 1



Ayubowan! Mit einem von Herzen kommenden Lächeln hängt uns Ranshani die handgeflochtene Frangipani-Blüten-Kette um den Hals. Endlich zurück. Zurück auf der Insel, die wie eine Träne im indischen Ozean liegt. Äquatornähe. Goldgelbe Palmenstrände. Hikkaduwa, eigentlich Surferparadies. Diesmal genieße ich das Surfen auf der Entspannungs-Welle, zu kräftezehrend waren die letzten beruflichen Tage in Indien.

Das Wasser der Wasserleitung ist nicht mehr indisch kalt und braun, sondern warm und glasklar. Im Whirlpool auf der Terrasse ebenfalls, das Meereswasser sowieso.



Aditya-Resort, Westküste. Das ist dort, wo sich menschenleere Traumstrände kilometerlang der Küste entlang ausstrecken. Nichts trübt den Blick. „Es ist das Paradies, wahrhaftig, es ist das Paradies!“ soll Hermann Hesse 1911 ausgerufen haben als er mit dem Schiff in Sri Lanka anlegte. So unrecht hatte der Kerl damals nicht. Sri Lanka, was übersetzt strahlend schönes Land bedeutet. Während der jahrhundertelangen europäischen Kolonialzeit hieß es Ceylon. An Schönheit hat es seither nichts verloren.



Die Respekt einflößenden Wellen klatschen kontinuierlich auf Milliarden von Sandkörnern. Sie gönnen sich keine Pause. Auch uns nicht. 24h-Getöse, nonstop. Vielmehr ist es zu Beginn ein Getöse, schon während der ersten Nacht verwandelt sich für mich das Getöse in eine schöne Einschlaf-Symphonie. Kleinen Kindern spielt man La Le Lu vor, ich bevorzuge diese Wellen-Symphonie.

Doch vor dem Schlafengehen gibt’s noch ein Dinner. Und was für ein Dinner. Wie Buddha himself werden wir bedient und verwöhnt. Oft ist mir die äußerst devote Haltung des Personals zu viel. Am liebsten würde ich sagen: „Hey Leute, lasst uns doch auf Augenhöhe miteinander umgehen!“ Doch ich glaube sie haben diesen devoten Keim tief in sich eingepflanzt, zu sehr hat die Kolonialisierung geprägt.

Kellner Shakti bricht die Rules und beginnt mit uns zu plaudern. Ich liebe Gespräche mit Kellnern und Taxifahrern in fernen Ländern. Sie tragen oft die Meinung des Volks auf der Zunge, durch sie erfahre ich meist, was die Menschen eines Landes gerade wirklich beschäftigt.

Was 9/11 für Manhattan war, waren die Anschläge im April für Sri Lanka. Nun wird uns klar, warum aktuell gähnende Touristenleere herrscht. Von einem Tag auf den anderen waren die Touristen weg, und die Hotels leer. Das Tourismus-Pflänzchen steckt gerade erneut den Kopf aus der Erde um zu überlegen, ob es gedeihen und wachsen soll.

Shakti erzählt von der Vielzahl seiner Freunde, die ihre Jobs in der Hotellerie und Gastronomie verloren haben. Ausgerechnet auf dieser wunderbaren Insel, deren Natur an Schönheit und Üppigkeit kaum zu überbieten ist, wo ein Großteil der Bevölkerung aus dem friedlichen Buddhismus spirituelle Kraft schöpft, wo eine weltweit bewunderte Hochkultur noch sichtbar und greifbar ist, ausgerechnet hier war oft genug die Hölle los. Ich erinnere mich zurück an den Dezember-Tag vor vielen Jahren, als in der Hauptstadt Colombo nur 2 Häuserblocks von uns entfernt eine Autobombe hochging. 20 Tote und 3 Tage Ausgangssperre für die Bevölkerung waren die Konsequenz. „Alltag in Sri Lanka“ wie meine Tante damals meinte. 18 Jahre hat sie hier gewohnt und mich zu einigen Besuchen bewogen. Wenn es so etwas wie eine zweite Heimat gibt, dann ist es Sri Lanka für mich.

Zurück zum Abendessen im Aditya-Resort und dem Gespräch mit Shakti. Schon die ganze Zeit wundere ich mich, welch heitere Geschöpfe sich so zahlreich im Garten und am Strand tummeln. Ich tippe auf Chinchillas, allerdings mit der leisen Vorahnung, dass dieser Tipp kein Volltreffer ist. Shakti klärt mich auf: „Those are Mungos. They eat the snakes.“ „Wie? Was genau meint er damit?“ scheint Shakti meine Gedanken lesen zu können.

Leider haben meine Schlangenphobie und ich es richtig verstanden. Wegen der vielen Schlangen gibt es hier auch viele Mungos. Ich studiere die Anzahl und die Üppigkeit der Mungo-Leiber. Als ich beginne hochzurechnen, was das in Bezug auf die hiesige Schlangenpopulation bedeutet, wird der erste Cocktail des Tages als willkommene Ablenkung serviert: Passion Fruit Mojito. Ich mag diese Frucht. Sehr sogar. Passion Fruit. Für mich ist sie die Königin auf jedem tropischen Früchteteller. Dieser gewiefte smarte süß-saure erfrischende Geschmack beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Nicht so sauer wie eine Zitrone und auch nicht so süß und vollmundig wie eine Mango, sondern genau in der goldenen Geschmacks-Mitte gelegen. Und dann noch dieser betörende Name: Passions Frucht! Die Frucht der Leidenschaft. Auch wenn Maracuja viel tropischer klingt, ich bleibe bei der leidenschaftlichen Passions Frucht.

Nach dem zweiten Cocktail nehme ich die Mungo-Sache schon viel gelassener und erinnere mich, dass auch meine Tante einen Mungo als Haustier hatte, damit er ihr die Schlangen vom Haus fernhielt. Außer Susanne, sie war die gutmütige Haus-Schlange meiner Tante, die sich an sonnigen Tagen gerne die Regenrinne herunterschlängelte. Susanne und der Mungo waren gemeinsam aufgewachsen und taten sich somit nichts, in etwa, wie wenn wir Hund und Katze von klein auf gemeinsam aufwachsen lassen, dann tun sie sich auch nichts. Schon sichtlich entspannter erzähle ich die Anekdote, als Christoph und ich bei unserem ersten Sri Lanka Besuch bei meiner Tante beim Abendessen aufschraken, als vom Garten ein ohrenbetäubender nicht enden wollender Schrei zu uns ins Haus drang. „Da dürfte gerade eine Cobra eine Ratte erwischt haben.“ meinte Tante Traude damals. Wissend, dass wir noch den Weg durchs hohe Gras des Gartens zum Gästehaus vor uns hatten, schauten wir dementsprechend verdutzt aus der Wäsche. „Ihr könnt beruhigt sein Jungs, jetzt hat sie bestimmt keinen Hunger mehr.“ waren Tante’s erbauende Worte bevor sie uns zum Schlafengehen durch die tropische Wildnis ihres Gartens schickte.


Von der Wellen-Symphonie nicht nur in den Schlaf gewiegt, sondern auch zärtlich wachgeküsst worden, wartet hinter fast jeder Ecke ein netter Platz zum Verweilen.




Der Pool erfrischt und plätschert den Schlaf aus den Knochen. Genüsslich ziehe ich meine morgendlichen Längen. Ab ans Meer. Kein Handtuch notwendig. Im puren Sand liegen. Die Arme weit weggestreckt, es erinnert mich an die Engelsabdrücke, die wir als Kinder im frisch gefallenen Pulverschnee gemacht haben. Ich setze mich auf und Blicke aufs Meer und staune ob der mächtigen Wellen.


Wie weiße Ferrari-Pferde bäumen sie sich auf und galoppieren auf die Küste zu, bevor sie sich überschlagen und sich im weißen Schaum der Gischt auflösen. Der Blick schweift von links nach rechts und wieder zurück. Keine Menschen. Viel Sand. Ewige Meeres-Weite.


Ich finde man sollte viel öfters am Meer sitzen. Mit diesem Gedanken in mir suche ich den schützenden Schatten auf um erst wieder zum Sonnenuntergang an diesen magischen Ort zurückzukommen.

Ich mag Sonnenuntergänge. Gibt es Menschen, die keine Sonnenuntergänge mögen? Was ich an den Sonnenuntergängen in Sri Lanka ganz besonders mag, ist, dass kein Sonnenuntergang dem anderen gleicht. Manchmal könnte man meinen ist es kein echter, weil man nur erahnen kann, wo hinter den Wolken die Sonne gerade untergeht.


Manchmal ist der orange-rote Feuerball glasklar mit seinen Konturen zu sehen und man kann mit guter Vorstellungsgabe das zischen hören, wenn sich Sonne und Meeres-Horizont küssen. Manchmal ist er einfach nur schön, wegen der Lichtspiele, dem Purpur, den Wolkenformationen und der Stille, die er auslöst.

Wenn in Wien ein paar Zentimeter Schnee gefallen sind, dann mag ich den Ausdruck „die Stadt ist ruhiggeschneit“. Autos haben plötzlich keine oder nur ganz dumpfe Abriebgeräusche, das Eisen auf Eisen der Straßenbahnräder auf den Straßenbahnschienen hat dann ihr Quietschen gegen ein sanftes Grummeln eingetauscht. So wie der Schnee eine Stadt ruhig macht, so macht der Sonnenuntergang einen Strand ruhig. Auch wenn ein paar einheimische Jungs in der Nähe Volleyball spielen, es liegt dennoch eine gedämpfte Gutmütigkeitswolke über uns.

Rosi, die Inhaberin des Aprima-Hotels in Kalutara lebt als Oberösterreicherin seit über vierzig Jahren hier. Noch immer geht sie jeden Abend kurz vor 6 an den Strand um auf ihrem liebgewonnenen weißen Bankerl im Sand Platz zu nehmen. „Egal was gerade ansteht, diese tägliche Auszeit genieße ich in vollen Zügen. So voll kann meine To Do Liste gar nicht sein, meiner Freundin Sonne habe ich noch jeden Tag am Abend beim Untergehen zugesehen. Und werde es auch weiter tun. Zu bezaubernd die Momente und diese unfassbare Schönheit.“ Ich kann sie gut verstehen und weiß nicht, ob da nicht sogar hin und wieder eine Träne an ihrer Wange herunterkullert. Egal, ich blicke lieber in den abendlichen purpuren Zauber als auf Rosi’s Wange.


Apropos Träne: Beim Boarden in Mumbai am Weg zum Flugzeug habe ich schmunzeln müssen. Der Teppich unter meinen Füssen war gespickt mit Tränen.


Meine Gedanken dazu: „Ich freue mich auf die Träne im indischen Ozean. Und: Nein! Indien, dir weine ich keine Träne nach! Genug kalt-braunes Duschwasser ertragen, genug Badezimmer-Ekel überlebt und genug Gestank inhaliert. Das Glücksspiel, ob mich beim Betreten des Hotelzimmers vom Schimmelfleck am Plafond ein Tropfen trifft (Pech) oder nicht trifft (Glück) hat endlich ein Ende. Die Smog-Glocke und den Straßenstaub lasse ich gemeinsam mit den vielen humorvollen und freundlichen Bewohnern zurück und sage getrost: Good Bye India!“

Abendausflug ins alte Fort von Galle. Holländer, Portugiesen, Muslime, Engländer...sie alle haben im Laufe der Jahrhunderte den süßen Gässchen rund um den Leuchtturm ihren Anstrich mit ganz besonderem Flair hinterlassen.




Nach entspannten Erholungstagen im Westen Sri Lanka’s heißt es auch hier Abschied nehmen. Ab in den Süden. Munter runter. Heiter weiter.

Seit Stunde eins meiner Sri Lankanischen Zeitrechnung ist Kumara ein treuer Gefährte. Er war der Fahrer und Problemlöser am Anwesen meiner Tante. Er führt uns sicher und humorvoll Richtung Süden. Als ich das letzte Mal mit meinen Cousins in Sri Lanka war, da war er gerade autolos. Bevor er Freunde im Stich lässt, macht er Unmögliches möglich. Sein Nachbar ist der Fahrer des örtlichen Schulbusses. Der Bus war rasch ausgeborgt. So wurden wir zu dritt mit dem Schulbus vom Flughafen die fast 200km in den Süden geführt, ein erhebendes und zugleich skurriles Gefühl.

Diesmal fahren wir mit Kumara’s neuem Auto, sein ganzer Stolz. Als ein Tuk Tuk uns zielstrebig und viel zu schnell auf unserer Straßenseite entgegenkommt, fährt Kumara mit seiner linken Hand wie eine Haifischflosse durch die Luft und ruft: „Aaaiiioooooooo! You’re not Ambulance!“ Ich mag ihn. Ich mag seine Art. Immer schon. Beim Aussteigen aus dem Flieger freue ich mich jedes Mal aufs Neue auf seinen unwiderstehlichen Smile, beim Abschied schwingt jedes Mal eine Extra-Portion Wehmut mit. Als meine Tante vor vielen Jahren in Sri Lanka ankam um ein Heim für behinderte Kinder zu gründen, war er von Beginn an eine tragende Stütze. Mit westlichen Praktiken haben die beiden so manches Kind aus dem Rollstuhl ins Laufen gebracht. Traude schätzte sein loyales, aufrichtiges, wertetreues und verlässliches Sein. Ich tue es genauso. Kumara ist mein Tor um dieses Land zu verstehen. Politische Machenschaften erklärt er mir genauso wie liebevolle Bräuche, wie zum Beispiel, dass er das Auto stets so parkt, dass er vorne immer noch Platz hat. Warum? Weil die erste Bewegung immer eine Vorwärtsbewegung sein soll. Selbst wenn er ins Auto steigt und zurückschiebt, geht es zuerst einmal ein paar Zentimeter nach vorn. Ob es buddhistische Anschauung oder seine persönliche Macke ist, habe ich ihn noch nicht gefragt.

Als klar war, dass meine Tante sterben würde, hat Kumara sie nach Österreich begleitet. Wir konnten nicht mehr viel für sie tun, außer sie regelmäßig im Spital zu besuchen. Dazwischen zeigte ich Kumara meine Heimat. Als wir nach einem Prater-Besuch mit dem Auto beim Queren der Hauptallee wegen kreuzender Jogger anhalten mussten, fragte er mich: „Klaus, where are all the people running to?“ Das zeigte mir einmal mehr den Unterschied der Welten, in denen wir leben.

Durch Kumara habe ich Zugang zu einigen Einheimischen, sie helfen mir bei jedem Besuch Sri Lanka ein Stückchen mehr zu verstehen. Ein großes Kapitel in den Erzählungen ist die alte Regierung. Von vielen Teilen der Bevölkerung wird sie bis heute gefeiert, weil sie den jahrzehntelangen Bürgerkrieg beendet hat. Wie genau sie das angestellt hat, da wollen viele nicht so genau hinsehen. Ganze Dörfer wurden ausgerottet, überall wo Mitstreiter der Untergrundbewegung Tamil Tigers vermutet wurden, gab es Bombenhagel und Säureregen. Wieviel tausend unschuldige Zivilisten diesen Gräueltaten genau zum Opfer gefallen sind, ist ungeklärt. Die UNO ist bis heute mit Aufklärungsarbeit beschäftigt. Vielleicht sind die Aufklärungsarbeiten auch deshalb so mühsam, weil kurz vor der Invasion selbst die UNO-Posten geräumt werden mussten. Aus Schutz für die UNO-Mitarbeiter, hieß es offiziell. Oder um keine westlichen Zeugen des bevorstehenden zivilen Blutbads zu haben, hieß es inoffiziell. Danach schwiegen die Waffen. Mehr als 40.000 unschuldige Zivilisten hatten diesen „Frieden“ mit ihrem Leben bezahlt. Erhobene Hände und weiße Fahnen waren nutzlos. Die Regierung wurde in weiten Teilen des Landes gefeiert. Als die Regierung am Ende der Amtszeit abgetreten war, war der Weg frei für den neuen, den fairen, den ehrlichen, den geradlinigen Präsidenten.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs bekamen ausländische Investoren grünes Licht. China zeigte am eifrigsten auf. Bau von Häfen, Bahnhöfen, öffentlichen Gebäuden, Straßen – die Chinesen sicherten sich das Meiste davon. Von moderner Kolonialisierung spricht man hier. Der Hotel-Bau-Wettlauf beflügelte die zuvor lahmgelegte Wirtschaft. Touristenströme, um die neuen Hotels zu befüllen, waren die Folge. Heute noch sehe ich die Resultate. Ich mochte diesen Sunset-Platz sehr, viele schöne Abende mit Lions-Beer hier am Fels sitzend verbracht.




Ich kann es heute noch immer tun, inzwischen verziert ein entzückendes Hotel die Aussicht. Es wurde erst vor kurzem gebaut. Von wem? Vom Bruder des Präsidenten. Des neuen Präsidenten. Ich muss den Kopf schütteln. Wie kann man diesem Tropenidyll so etwas antun? Landschaftsvergewaltigung. Bausünde. Viele derer.

Wie so oft im Leben frage ich mich: Was ist das Gute daran? Neue Arbeitsplätze für die Menschen dieser verarmten Region? Ich scheitere kläglich beim Versuch mir dieses Mammut-Projekt schönzureden.


Das Anwesen „Providence“ mit Grünflächen und Gebäuden hat meine Tante dem Bischof per Testament vermacht, in der Hoffnung, ihr karitatives Werk würde fortgeführt werden. Heute sonnt sich der Bischof im Garten des Anwesens, während seine Konkubinen ihm mit dem Palmenwedel kühlende Luft zuwehen. Diesmal möchte ich den Ort nicht besuchen, der Grant über die wahren Gesichter ehemaliger „Freunde“ sitzt zu tief. Auch den Tempel, den Kumara Traude zu Ehren bauen hat lassen, besuche ich diesmal nicht. Tempelbau. Klingt ehrenhaft, ist es auch. Den Tempel musste er bauen, um von der Dorfgemeinschaft nach ihrem Tod nicht verstoßen zu werden, schließlich war er jahrelang die rechte Hand der weißen Frau gewesen. Manche Fragen habe ich aufgehört zu stellen.

Der Bienenhaus-artige Verkehr hat uns heil im Süden ausgespuckt. Sri Gemunu Beach Resort. Ein magischer Ort.



Endlich wieder hier. Einer meiner Lieblingsplätze auf diesem Planeten. Die Bucht von Dalawella. Einige Bekanntschaften und ausgewählte Freundschaften die mich immer wieder hierherziehen. Zum Glück haben sie alle den verheerenden Tsunami dereinst überlebt. Ich bekomme Gänsehaut, wenn Surangha vom benachbarten Rathna Guest House mir sein unschönes Erwachen von damals schildert: „Plötzlich war mein Zimmer bis unter die Decke voll mit Wasser. Ohne im Schlaf noch bewusst Luft holen zu können, musste ich mit dem Sauerstoff in meinen Lungen auskommen. Im trüben und aufgewirbelten Wasser tauchte ich und hantelte mich der Wand entlang zur Tür. Als ich draußen war schoß ich empor wie ein Torpedo, die Luft war knapp und der Überlebenstrieb groß. Als ich zwischen Holztrümmern und schreienden Menschen auftauchte suchte ich nach einer Antwort auf die Frage: „Was ist hier los?“

Kurz danach erfuhr Surangha die Antwort auf seine Frage und konnte bald darauf mit Freunden und Familie mit dem Wiederaufbau des Guest Houses beginnen. Über 35.000 Menschen in diesem Land sahen ihre Freunde und Familien nie wieder, sie hat das Meer aus dem Leben gerissen. Noch Monate später donnerten Fischerboote viele Kilometer vor der Küste auf im Wasser treibende Busse und Autos.

Onkel Gottfried, mit dem ich vor dem Tsunami Gast im Rathna Guest House war, und ich trommelten in unserer Heimat Spenden für den Wiederaufbau des Stelzenbungalows des Guest Houses zusammen. Ehrfürchtig stehe ich nun davor.



Das Wetter dreht, dunkle Wolken im Anmarsch.

Ich liebe Tropenschauer. Wenn sich noch ein Gewitter mit zuckenden Blitzen und grollendem Donner dazu mischt, dann ist die Vorstellung für mich perfekt. Natürlich nur dann, wenn ich dieses Spektakel aus sicherer Entfernung beobachten kann. Das Bett und die Bettdecke bieten mir einen schützenden Kokon. Kokon mit freiem Blick auf das Spektakel. Man sagt oft: „Am warmen Kamin träumt sich‘s gut vom Schneesturm.“ Die hiesige Version könnte lauten: „Im schützenden Bett schaut sich‘s gut auf das Tropengewitter.“

Die Wassermassen prasseln auf das Blechdach. Eine Freundin hat unlängst zu mir gemeint: „In einen Gewittersturm mischt man sich am besten nicht ein.“ Ich höre auf sie und genieße das Spektakel aus sicherer Entfernung. Ich mag’s hier.



Das Wetter ändert sich in dieser Gegend rasch. Bald schon wieder Regen-Aus und klare Sicht. Durch die Machtdemonstration des Himmels dürften sich die Ferrari-Pferde beruhigt haben, weichgespült, sie kommen mir jetzt viel weicher und zaghafter vor, irgendwie wie die Einhörner in meinem Lieblingsfilm aus jüngster Kindheit „The Last Unicorn“, die bei ihrer Befreiung aus dem Meer auftauchen.



Auf zur Moped-Tour. So sehr ich das Meer liebe, von Zeit zu Zeit lockt das Hinterland. Vorbei an der Schule wo die süßen Zwerge in ihren weißen Schuluniformen gerade in den Klassenzimmern büffeln.



Warane kreuzen den Weg, Wasserbüffel stapfen durch die fertig-geernteten Reisfelder und als wir eine vierköpfige Pfauenfamilie in der Wiese entdecken, staunen wir ohne Ende und denken uns: Pfau! Der Reisbauer erzählt stolz, dass die Reisfelder hier dreimal pro Jahr geerntet werden, erst vor kurzem war es wieder so weit.


Egal durch welches noch so kleine Dorf wir kommen, überall blitzen uns die weißen Smile-Zähne entgegen, oft gepaart mit einem Händewinken, fast immer mit einem freundlichen „Hello“. Wie würden wir in der Heimat reagieren, wenn Singhalesen mit geliehenen Mopeds durch unsere Dörfer fahren würden? Ich glaube anders...

Die Nase bekommt die unterschiedlichsten Düfte vorgesetzt, manchmal das Jasminparfum der Sträucher links und rechts des Weges, manchmal Räucherwerk das aus den Häusern qualmt, manchmal Kloakengestank vom Rinnsal und manchmal Lagerfeuergeruch aus den Gärten.


Ich liebe es, wenn trotz Gluthitze der kühlende Wind vorbeistreichen kann und hinter jeder Biegung eine neue Überraschung wartet. Um die XXL-Schlange, die quer über die halbe Straße liegt, mache ich einen weiten Bogen und tu vor mir selbst so, als hätte ich sie nicht gesehen. Zeit für einen Eiskaffee am Strand.

Genüsslich sauge ich am Kaffee-Vanille-Zauber und verfolge das illustre Treiben im Sand. Fotoshooting! Neben mir wird das Modell im Schatten geschminkt bevor es dank des eifrigen Schirmträgers auch am Meer im Schatten steht. Die Szene versprüht einen erfrischender Mix aus Professionalität und Schildbürgertum.



In der Bucht von Dalawella gibt es eine großartige Besonderheit: Ein Naturpool! Vorgelagerte Felsen lassen die Wellen schon weit draußen brechen und ermöglichen ein wellenbefreites plantschen in Strandnähe, eine Seltenheit in diesem Land.


Ich schnappe meine Schwimmbrillen und genieße die Schwimmtempos im behaglichen Meereswasser. Als Teil eines schillernden Fischschwarms tauche ich quietschvergnügt durch die Gegend. Die Brassen frohlocken im tropischen Nass, ich frohlocke mit ihnen mit.

Und plötzlich! Von scharf links in mein Sichtfeld einfallend. Sie schneidet mir den Weg ab und lässt mich und meine Schwimmtempos erstarren. Wer ist größer? Sie oder ich? Wer hat mehr Kilos? Ich tippe auf sie. Die Riesenschildkröte chillt vor mir mit gleichmäßigen Bewegungen im Wasser, ich hinterher. Ich kreise um sie und bestaune sie, ohne sie dabei zu berühren, ähnlich wie es die Inder letzte Woche im Business Viertel von Mumbai mit mir gemacht haben. Welch edles Geschöpf (die Schildkröte). Stoische Ruhe verbreitend schwimmt sie ihres Weges. Je länger ich in diesem Naturpool verweile, desto mehr realisiere ich, dass sie hier nicht die einzige ihrer Gattung ist. Ich bin ergriffen von diesem magischen Moment. An experience to remember! Fast so wie damals, als ich im Stelzenbungalow des Rathna Guest Houses gewohnt habe und gegen Mitternacht eine Kolonie frischgeschlüpfter Babyschildkröten Richtung Mond und Meer gewandert ist. Ihre Eier hatte eine Riesenschildkröte unter meinem Bungalow vergraben, meine Mitreisenden damals hatten gemeint, ich hätte sie gut ausgebrütet.


Und nun zu uns beiden, legendärer Fels! Ich baumle zum Trocknen nach dem Schildkrötenerlebnis in der Hängematte und bestaune dich. Oft spricht man landläufig vom Fels in der Brandung. Du bist es. DER Fels in der Brandung. Du teilst die Bucht. Links von dir das ruhige und sanfte Pool. Rechts von dir die wilde offene See mit scharenweise galoppierenden Ferrari-Pferden. Ich frage mich, was du alles schon erlebt und gesehen hast? Seit wieviel Millionen Jahren klatschen die Wellen an dein Fundament um sich nach dem Aufprall wieder ehrfürchtig ins Meer zurückzuziehen. An heißen Tagen kommst du mir vor wie ein riesen aufgeheizter Saunastein, auf dem das hochspritzende Wasser im Nu wieder verdunstet. An windigen Tagen kann ich fast erkennen, wie du zu lächeln beginnst, weil du die kühlende Windmassage genießt. Wenn ein Tropenschauer über dir herunterprasselt, kommt es mir vor als wärst du ein Regenschirm, der alles unter dir fürsorglich beschützt. Ich beneide dich um deinen Ausblick.



Links und rechts palmengesäumte Zauberstrände, geradeaus freier Blick Richtung Süden. Weit in den Süden. Das nächste Festland vom Südzipfel des Subkontinents aus gesehen sind die Eisschollen der Antarktis. Kaum vorstellbar. Weder der Temperaturunterschied, noch die Distanz dorthin. Wie gings dir beim Tsunami? War das für dich, wie wenn mich ein Regentropfen berührt? Hast du ihn genauso gespürt wie ich den Flügelschlag-Hauch eines Schmetterlings? Zu gerne würde ich deinen Geschichten lauschen, was du schon alles gesehen und erlebt hast. Wie war es hier vor 100 Jahren? Vor 1.000 Jahren? Vor einer Million Jahren?

Melancholie legt sich über die Bucht, vielmehr über mich. Der Rückflug naht. Bald heißt es Abschied nehmen. Werde ich dich nach all unseren Höhen und Tiefen wieder sehen mein liebes Sri Lanka? Ich weiß es nicht.

Das Wort Abschied dehnt sich in mir aus und möchte nicht gehen. Phase des Abschieds.

Mich von Indien für immer zu verabschieden, das fiel mir nicht schwer.

Vor wenigen Wochen habe ich mich von der elterlichen Wohnung verabschiedet nachdem ich sie ausgeräumt hatte. Heute möchte ich darin nicht mehr wohnen, auch wenn sie mir ein wohliges Zu Hause in meiner Kindheit war. Beim Ausräumen habe ich im Stiegenhaus unseren Nachbarn von früher getroffen: „Wie geht’s Ihnen und Ihrer Frau, Herr Paar?“ hab ich ihn neugierig gefragt. „Wir altern in Würde.“ war seine schlichte und treffende Antwort.

Zum Gardasee hab ich bei meiner Abreise im August Adieu gesagt. Zehn Mal bereist, zehn Mal eine tolle Zeit gehabt. Mit dem Gefühl beinahe jeden Stein auf den Wander-, Kletter- und Mountainbike Routen zu kennen, wird der Erforschungsdurst nicht mehr gestillt. Neue Gegenden dürfen bereist werden.

Laufen war die letzten Jahrzehnte ein liebgewonnenes Hobby. Seit dem Bandscheibenvorfall im Frühling die Empfehlung des Orthopäden: „Eher nicht!“ Auch vom Laufen darf ich mich verabschieden. Es fühlt sich an, als würde Schwimmen seine sportliche Stellung einnehmen, egal ob mit oder ohne Schildkröten-Begleitung.

Drei Sommer lang glaubte ich ein Segler zu sein, bis ich mir eingestehen musste, dass ich es doch nicht bin. Zumindest jetzt nicht. Dabei hatte es sich so gut angefühlt. Im Segelkurs das Gefühl gehabt in meinem vorigen Leben ein Seebär gewesen zu sein, so vertraut wirkte die Materie auf mich. Parallel lautete meine Lebensmetapher „Vom Motorboot zum Segelboot“. Vom benzingetriebenen Vehikel das an der Oberfläche dahindüst zu gemächlicher Geschwindigkeit im naturgetriebenen Boot mit viel Tiefgang. Selbst mein Parfum der letzten Jahre passte stimmig dazu, La Luna Rossa von Prada, mit dem Segelboot als Werbesujet.

Mein Segelboot ist verkauft, Lebensmetaphern lassen sich umdenken und gut duftende Parfums gibt es genügend andere. Adieu Segelboot.

Auch liebgewonnene Menschen haben sich verabschiedet, sie sitzen nun in einem anderen Lebenszug. Dafür sind neue Herzensmenschen in mein Leben gespült worden. Die neuen Pflänzchen dürfen gedeihen, Knospen sprießen. Ich bin neugierig auf die Blüten und Früchte, die das Neue bringt.

Mein erstes Buch ist fertiggeschrieben, verabschiedet an den Verlag um den Weg in wissbegierige Leserhände zu finden. Eine neue Buch Idee gärt bereits in mir.

Mich emsig begleitende Verhaltensmuster dürfen sich ebenfalls verabschieden, vor allem die nicht förderlichen. Doch ich mache einmal mehr die Erfahrung: „Bad habits die hard“

Lebensenergie die von Altem abgezogen wird macht frei für Neues. Wenn die eine Tür zu geht, geht eine neue Tür auf. Dämmerung setzt ein. Ich summe das Lied der Scorpions „Wind of change“ vor mich hin.

Ich blicke zum Himmel und frage mich: Ist das Abendrot des Gehenden nicht zugleich das Morgenrot des Kommenden?



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